Erinnern Sie sich noch an die Aussage von Ex-Staatssekretär Patrick Graichen? Stadtwerke sollten den Rückbau der Gasverteilnetze planen – weil 2045 angeblich kein Gas mehr fließt. Drei Jahren später, spätestens seit letztem Jahr, sehen wir die ersten Auswirkungen dieser ideologisch geprägten Politik.
Die genannten Aussagen stammen aus einer Zeit, als die damalige Bundesregierung von einem „grünen Wirtschaftswunder“ ausging. Bundeskanzler a. D. Olaf Scholz posaunte: „Wegen der hohen Investitionen in den Klimaschutz wird Deutschland für einige Zeit Wachstumsraten erzielen können, wie zuletzt in den 1950er- und 1960er-Jahren geschehen.“ Europa trieb den Green Deal voran, Deutschland folgte ambitioniert. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Seit 2019 stagniert die Wirtschaft, führende Institute sprechen von Rezession. Die Industrie steht unter Druck, De-Industrialisierung ist kein Schlagwort mehr, sondern Realität. Wasserstoff – vor allem grüner – war 2022 der Hoffnungsträger für alle klimapolitischen Herausforderungen. Doch die Euphorie ist in der Zwischenzeit nicht nur deutlich abgekühlt, aufgrund der hohen Kosten wird er kein Heilsbringer werden.
Zuerst die persönliche Meinung der Autoren: Das ganze Thema Gasnetzrückbau ist eine Sackgasse. Welche Volkswirtschaft kommt auf die Idee, eine funktionierende Infrastruktur stillzulegen und durch vorgezogene Abschreibungen dem Verbraucher in Rechnung zu stellen? Niemand bestreitet den Klimawandel und die damit verbundenen negativen Folgen. Nichtsdestotrotz sollten Debatten über künftige Ausrichtungen wie in anderen Volkswirtschaften technologieoffen und mit ingenieurswissenschaftlichem Sachverstand untermauert werden. Diese Debatte ist umso wichtiger, desto deutlicher es wird, dass es auf absehbare Zeit keine Alternative zu Erdgas geben wird.
Gasverteilnetzrückbau – Diskussion nimmt Fahrt auf
Einzelne große Städte, wie Frankfurt oder Mannheim, haben bereits entschieden: Die Gasverteilnetze sollen schrittweise stillgelegt und zurückgebaut werden. Das kann im Einzelfall sinnvoll sein, besonders in baulich verdichteten Innenstädten, wo bereits Fernwärme existiert und keine prozesswärmeintensive Industrie angesiedelt ist. Doch was bedeutet das für die Industrie? Wenn Haushalte durch den Umstieg auf Wärmepumpen und Pelletheizungen wegfallen, bleiben weniger Nutzer im Netz. Gleichzeitig steigen die Kosten durch vorgezogene Abschreibungen. Die Folge: Die Netzentgelte für industrielle Verbraucher steigen – und das rasant. Weniger Nutzer, höhere Kosten – eine gefährliche Dynamik. Die zentrale Frage lautet: Wie lange können Industriekunden diese Last noch tragen?
Neue Rahmenbedingungen erforderlich
Wie lässt sich gegensteuern, um dieses Szenario zu vermeiden? Es dürfen keine Denkverbote gesetzt werden und Alternativen müssen wieder einbezogen werden. Hier unsere Thesen:
- „All-electric“ auf dem Prüfstand: Die Vollelektrifizierung im Wärmesektor wird nicht funktionieren, besonders nicht in der prozesswärmeintensiven Industrie.
- Grüne Gase wie Biomethan und synthetisches Methan (künstlich erzeugtes klimaneutrales Methan) sind eine echte Option, um den Wärmebedarf von Industrie und Haushalten zu decken. Ergo eine Option, die Verteilnetze in einem nachhaltigen Szenario weiternutzen zu können. Grüne Gase in der Breite, grüner Wasserstoff in der Nische.
- Das Potential von europäischen Biomethan als zuverlässigem Energieträger muss entbürokratisiert und genutzt werden. Dabei könnte auch die Ukraine mit ihren Anbauflächen und ihrer Erdgasinfrastruktur perspektivisch wieder genutzt werden, um neue Einnahmequellen zu generieren.
Diese Alternativen zeigen: Es gibt Wege, die technisch intakten Verteilnetze in großem Umfang weiter zu nutzen – ohne sie vorschnell zu Lasten unserer Volkswirtschaft abzuschreiben. Und gleichzeitig entsteht neue Wertschöpfung in Europa.
Handlungsoptionen für Industriekunden im Gasverteilnetz
Was können Industriekunden tun, die mittelfristig nicht auf Erdgas verzichten können? Der Trugschluss, dass Netzentgelte im Vergleich zur Commodity (Strom oder Gas) vernachlässigbar sind, gilt längst nicht mehr – besonders im Strombereich. Jetzt trifft es auch das Gasnetz. Ein Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre zeigt: Die Verteilnetzentgelte steigen kontinuierlich – teils deutlich. Die bundeseinheitlichen Entgelte der Ferngasnetzbetreiber steigen zwar auch kontinuierlich, aber längst nicht so stark wie auf der Verteilnetzebene.
Siehe unten beigefügtes Diagramm Abb. 1: Umrechnung in €/MWh anhand von 8.760 h/a; Quelle VNB Netzentgelte BNetzA Monitoringbericht 2024
Die Folge: Die Schere zwischen günstigeren Ferngas- und teuren Verteilnetzentgelten geht immer weiter auseinander. Welche Optionen bestehen konkret? Eine Möglichkeit ist den Anschluss an das Ferngasnetz über einen Direktleitungsbau zu prüfen. Dafür müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein - neben der Lage in der Nähe einer Ferngasleitung, die nicht umgewidmet oder stillgelegt werden soll, zählen: Realisierbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Alternativ kann ein Sondernetzentgelt mit dem örtlichen Verteilnetzbetreiber verhandelt werden – sofern dieser zustimmt. Doch genau das wird wegen regulatorischer Hürden zunehmend schwieriger
Mittelfristiger Ausblick zum perspektivischen H2-Kernnetz
Wie viele Kunden können sich ab ca. 2035 überhaupt grünen Wasserstoff leisten? Schon heute ist klar: Die Nutzung des Ferngasnetzes wird mit dem Ausbau des Wasserstoffkernnetzes zurückgehen. Das bedeutet: Die verbleibenden Kosten werden auf immer weniger Nutzer verteilt – und die Netzentgelte steigen weiter. Das aktuell veröffentlichte Entgelt für das H₂-Kernnetz liegt bei 25 €/ (kWh/h)/a – deutlich höher als die heutigen Ferngaspreise. Und die Kosten für Wasserstoffverteilnetze? Noch völlig offen.
In Kombination mit den sehr hohen Energiepreisen für grünen Wasserstoff je nach Herkunft zwischen 150 und 250 €/MWh muss der CO2-Preis dann schon in Richtung 200 €/t gehen, damit sich überhaupt ein Business Case entwickelt. Gleichzeitig schaden 200 €/t für Emissionszertifikate unserer Volkswirtschaft dramatisch. Dann brauchen wir weder über Gasnetze noch über Wasserstoffnetze weiter nachzudenken. Nicht umsonst erteilen immer mehr Unternehmen diesen Plänen eine Absage und verlegen ihre Produktion ins Ausland.
Fazit: Realität schlägt Ideologie – jetzt braucht es Kurskorrektur
Die Energiepolitik der Ampelregierung steht vor einem großen Realitätscheck. Frau Reiche steht bereits jetzt unter Beschuss - nicht nur vom Koalitionspartner SPD, sondern besonders von Grünen, Linken und deren NGO-Gefolgschaft. Die ideologisch geprägten Pläne von Agora Energiewende, die mit Herrn Graichen - erst als deren Direktor, dann als Staatssekretär im BMWK - den Weg zu Herrn Habeck gefunden haben, müssen revidiert werden. Zu Anfang sind das die Erneuerbaren und der Stromnetzausbau. Hier ist es am dringendsten, weil dort die meisten Milliarden verbrannt werden. Themen wie Gasnetzrückbau, Wasserstoffkernnetz und die Frage, wie die energieintensive Industrie einzubinden ist, müssen ganzheitlich betrachtet werden, wenn die prozesswärmeintensive Industrie noch eine Chance in Deutschland haben soll. Wir begrüßen, wie bereits in unserer letzten Ausgabe, den von Frau Reiche eingeschlagenen Weg – auch wenn sie Gegenwind erfährt. Nicht nur von den Erneuerbaren-Verbänden und deren Medienpartner, sondern auch seitens des Koalitionspartners.
