Haben Sie auch das Gefühl, dass die Energiewende in der Realität nicht das hält, was sie verspricht? Und dass über den „Elefanten im Raum“ noch nicht ausreichend gesprochen wird. Es ist höchste Zeit, diese Diskussion zu führen, denn viele Indikatoren zeigen: Die Abweichungen vom „Soll“ haben ein kritisches Maß erreicht. Die Meldungen, die die Spitze des Eisberges ausmachen, sind bekannt:
- Energieintensive Industrie wandert ab - zuletzt DOW Chemicals mit zwei Werken in Ostdeutschland.
- Megabaustelle Netzumbau und Netzprobleme: hohe Kosten, knappe Kapazitäten, drohende Black- oder zumindest Brown-Outs.
- Rückzug aus grünen Wasserstoffplänen wie bei Arcelor und Insolvenzen wie bei HH2Energy.
- Smart Meter, E-Mobilität und Wärmepumpen - bleiben weit hinter den Plänen zurück.
Wind- & PV-Ausbau anpassen
Einzige Ausnahme: Der Ausbau von Wind & PV. Die BNetzA-Auktionen sind deutlich überzeichnet. Politisch ist das Thema sakrosankt. Die Klima- und Erneuerbaren-Verbände haben perfekte Lobbystrukturen und Frühwarnmechanismen aufgebaut, um medial und politisch einzuschreiten, wenn sie ihre Geschäftsmodelle durch sachliche Gegenrede gefährdet sehen.
Unsere neue Wirtschaftsministerin Katharina Reiche durfte das direkt spüren, als sie vorschlug:
- Den EE-Ausbau am tatsächlichen Verbrauch auszurichten.
- Die EE-Betreiber zukünftig deutlich mehr bei Netzkosten und Systemdienstleistungen in die Pflicht zu nehmen.
- Auf Gaskraftwerke zur Versorgungssicherheit zu setzen und CCS/CCU zuzulassen.
Wir sehen die Grenzen des EE-Ausbau, wenn die gesellschaftliche Elektrifizierung mit E-Mobilität, Wärmepumpe, Speicherung bzw. Flexibilität nicht mithält und Überschussmengen den Wert besonders von PV-Strom drücken. Industriekunden mit längeren PPA-Verträgen haben das bereits erfahren und überlegen sich zukünftig, ob dieses Liefermodell noch passt. Die Reaktion? Ein grüner Politiker aus dem Bundesvorstand nennt es prompt eine „Kampfansage an die Erneuerbaren Energien“. Auch wenn sich dem mit energiewirtschaftlichem Sachverstand gegenüberstellen lässt:
- Was bringen installierte Gigawattrekorde an EE-Kapazitäten und -Erzeugung, wenn diese nicht den Verbrauch treffen und der zum falschen Zeitpunkt erzeugte Strom ins europäische Ausland verschenkt wird?
- Wenn der Zubau an Erneuerbaren die Netzkosten und Systemdienstleistungen exponentiell steigen lässt. Was spricht gegen verursachungsgerechte Netzentgelte?
- Aufgrund der Unzuverlässigkeit der Erneuerbaren sind erhebliche steuerbare Erzeugungskapazitäten für unsere Versorgungssicherheit notwendig. Was spricht gegen neue, moderne Erdgaskraftwerke mit der Option, diese später auf grünen Wasserstoff umzurüsten?
Kurskorrekturen kaum möglich
Kommen wir zu dem Teil des Eisberges, der für viele noch nicht sichtbar ist. Und – um im Bild zu bleiben – auf den die Titanic geradewegs zusteuert, wenn eine Kurskorrektur nicht gelingt. Um die Aussichten einer Kurskorrektur zu bewerten, muss man den Rahmen kennen, in dem sich die Energiewende abspielt. Gesetzlich hat er Hosenträger und Gürtel mit dem „Green Deal“ der EU sowie dem deutschen Klimaschutzgesetz und wird vom Verbandsklagerecht begleitet. Eine grundlegende Anpassung des Weges in Richtung Klimaneutralität ist kaum möglich, so dass die Umweltverbände als verlängerter Arm der Branche jede Gelegenheit nutzen werden, Sand ins Getriebe zu streuen.
Finanziell wird er durch den Klima- und Transformations-fond (KTF) als politisches Instrument gesteuert, der mit Einnahmen aus dem Emissionshandel und Bundeszuschüssen gespeist wird. Hieraus werden zentrale Maßnahmen der Energiewende finanziert. Dazu zählen etwa die EEG-Umlage von ca. 18,5 Mrd. € (2024) und der Zubau von Energiewendetechnologien wie z. B. E-Mobilität und Gebäudetechnik.
Auch grüner Wasserstoff für die Industrie wird daraus über Klimaschutzverträge mit Carbon Contracts for Difference (CCfD) abgesichert. Gesellschaftlich wird er nicht nur von Lobbyverbänden, Klima-Stiftungen und „Medien“ überwacht und gesteuert. Jegliche Infragestellungen des eingeschlagenen Weges werden möglichst sofort abgestraft. Auch bei denen, die sich grundsätzlich zu den Zielen der Klimaneutralität bekennen, aber mehr Pragmatismus bzw. Realismus und eine Planänderung fordern.
Wirklichkeit holt Wunschdenken ein
Wohin führt das? Notwendige Kurskorrekturen sind nur sehr begrenzt möglich, kosten viel Energie und dauern lange. Die Zusammenhänge werden, das wird gerade gut sichtbar, immer komplexer und kosten damit wertvolle Zeit. Ziehen sich z. B. große Ankerkunden aus grünen Wasserstoffprojekten zurück, wirkt sich das auf die Dimensionierung der Kernnetze und die benötigten Mengen aus. Diese können im Fall des Kernnetzes aber aufgrund politischer Beschlüsse nur bedingt nachjustiert werden. Die Konzerne der Grundstoffindustrie haben längst erkannt, dass die Rechnung nicht aufgeht und verlagern möglichst geräuschlos ihre Produktion. Die energieintensiven mittelständischen, meist familiengeführten Unternehmen, die nicht verlagern können, machen nur das, was sowieso sinnvoll oder für Entlastungsanträge nötig ist (z. B. Einsparungen, Effizienz und Flexibilität). Bei großen Investitionen warten sie die weitere Entwicklung ab. Die Unternehmen, deren Geschäftsmodell wesentlich auf günstiger Energie beruhte, wurden bereits geschlossen oder sind insolvent.
Die Industrie verbraucht entsprechend weniger und wartet ab. Wärmepumpen und E-Autos hinken deutlich hinterher. Die großen Transformationspläne der Politik für die Industrie und der prognostizierte starke Zuwachs des Strombedarfs? Schon jetzt nur noch Makulatur. Da hilft alles Gegenhalten der Verbände nicht: es ist ein Zeitschinden, um die bestehende EE-Projektpipeline noch mit den hohen Subventionen umsetzen zu können. Die Wirklichkeit wird uns aber schneller einholen als viele derzeit noch hoffen oder glauben. Das, was also dringend geboten ist, ist die offene Diskussion über den unteren Teil des Eisberges, der bald deutlicher an die Oberfläche kommt, insbesondere der Dreiklang von: Umsetzbarkeit, Kosten / Finanzierung und Erfolgswahrscheinlichkeit (siehe Bild oben) muss deutlicher hervorgehoben werden.
Auch die Komplexität des gesamten Vorhabens der Energiewende muss für alle Akteure handhabbar werden. Nicht jeder Einzelfall muss bis ins Detail geregelt werden, an vielen Stellen reicht auch der Rahmen und der Markt entscheidet die Details. Denn ein höherer Komplexitätsgrad führt wiederum zu vielen Eingriffen mit staatlicher Unterstützung, welche wieder zusätzliche Bürokratie erfordert. Dabei ist die Gefahr groß, dass bald kaum noch jemand vollumfänglich durchblickt und die Energiewende größeren Schaden nimmt.
Fazit
Es ist höchste Zeit, parallel zum „Realitätscheck Energiewende“ eine neue Roadmap zur Energiewende vorzulegen, um keine Zeit zu verlieren. Sonst fließen die Milliarden in die falsche Richtung. Die Deindustrialisierung schreitet voran. Unsere Wettbewerbsfähigkeit und Einnahmen sinken. Die Energiewende verliert an Akzeptanz und wir riskieren letztendlich den sozialen Frieden. Dass der deutsche Sonderweg im Ausland für Kopfschütteln sorgt, sollte uns zu denken geben. Viel Glück, Frau Reiche! Wir wünschen Ihnen auf Ihrem Weg Mut und Durchsetzungskraft, denn wir werden es Ihnen danken, wenn Sie sich von „Kampfansagen“ nicht einschüchtern lassen und mit einer Kurskorrektur erfolgreich sind.
Meine Bitte an Sie als Leser: Beteiligen Sie sich an der Diskussion, ob in Ihrem Umfeld oder mit mir – das Ziel ist der beste Weg zur Klimaneutralität im gesellschaftlichen Konsens. Schöne Sommerferien!
