Transformation braucht stabile Rahmenbedingungen
Da wundert es nicht, dass viele Industrieunternehmen vor großen Investitionen zurückscheuen, obwohl sie prinzipiell gewillt sind, die Transformation anzugehen. Klimaneutralität bedingt hohe Investitionen und langfristige Verpflichtungen. Sie kann zudem nicht beliebig verschoben werden. In diesem Kontext ist die Anbahnung neuer Lieferbeziehungen mit Katar ein gutes Beispiel für eine neue Runde des Strategiekarussells und die nächste Verunsicherung für die Energiewende. Das Thema hatten wir bereits und es war ein Politik-Scheitern mit Ansage. Bereits in unserer Ausgabe vom Mai 2022 hatten wir berichtet, dass „... Katar jedenfalls nur an langfristigen 20-Jahresverträgen und vermutlich auch nicht besonders günstigen Lieferverträgen interessiert zu sein scheint. Damit begeben wir uns nicht nur in eine neue, langfristige LNG-Abhängigkeit, sondern gefährden zudem die langfristigen Klimaziele ab 2030.“.
Warum überhaupt weitere LNG-Verträge?
Jetzt eventuell wieder rein, weil die Abhängigkeit von den USA ein neues Risiko darstellen könnte? Es sind zwei Fragestellungen, über die alle Beteiligten nachdenken sollten, bevor sie das Thema weiter vertiefen: Brauchen wir zusätzliche langfristige LNG-Lieferverträge für die Versorgungssicherheit in Deutschland? Was würde dieser Schritt bedeuten? Zur Erinnerung: Mit AggregateEU und dem LNG-Pool hatte ecotec sämtliche Optionen für große Verbraucher ausgelotet, um langfristige Erdgaslieferverträge anzubahnen. Insofern sehen wir für Erdgas in den nächsten 10 Jahren keinen Ersatz und in den folgenden 10 Jahren erst eine langsame Abkopplung hin zur Elektrifizierung bzw. zu grünen Molekülen. Bis dahin besteht also die Notwendigkeit, weiter Erdgas zu importieren. Aber kommen wir zur Beantwortung der Fragen:
Deutschland braucht keine LNG-Verträge mit Katar
Wir haben einen globalen LNG-Markt, in dem ein stetig wachsendes globales Angebot auf eine sinkende Nachfrage in Europa trifft. Darüber hinaus haben wir durch den Aufbau der LNG-Importterminals genügend Kapazitäten, dieses Angebot aufzunehmen. Wir haben kein Versorgungsproblem, höchstens ein Preisproblem. Diesen Winter sehen wir das deutlich: trotz leerer Speicher ist die Lage relativ entspannt. Letztes Jahr wären die Sorgen noch deutlich größer und die kurzfristigen Preise vermutlich doppelt so hoch gewesen. Dazu kann Deutschland selbst gar keine Lieferverträge abschließen. Das könnten jedoch die Gashändler und -importeure wie z. B. Uniper und SEFE, an denen der Bund große Beteiligungen behält und die bis Ende 2028 größtenteils wieder abgestoßen werden müssen – es sei denn, die EU ermöglicht die nächste Kehrtwende. Wenn Gashändler also Verträge mit Katar schließen wollen, dann ist es eine unternehmerische Entscheidung, die für das jeweilige Unternehmen Chance und Risiko bietet. Für den Verbraucher ergibt sich der Preis aber aus Angebot und Nachfrage im Marktgebiet, bei uns bekanntlich im Marktgebiet THE. Kunden, die bis zum Sommer 2021 ihren Gaspreis bei unter 20 €/MWh bis 2025 abgesichert haben, haben selbst wenig von der Gaspreiskrise mitbekommen – mit Ausnahme der Gasspeicherumlage und der viel zu hohen Bilanzierungsumlage.
Fazit & Vorschlag
Wenn Deutschland bzw. die Importeure Lieferverträge mit Katar abschließen, bedeutet das energiewirtschaftlich für die Verbraucher wenig bis gar nichts. Die Verhandlungen mit Katar kann man aber als eine politische Kehrtwende in Richtung Erdgas auffassen. Und das wäre kontraproduktiv. Wir müssen vom Erdgas in den nächsten 20 Jahren weitgehend weg und den Umstieg auf nicht fossile Energieträger schaffen. Das viel bessere Signal wäre gewesen: „Die Bundesregierung arbeitet mit den Importeuren am Umbau der Erdgasversorgung hin zu grünen Molekülen. Auf diesem Weg schaffen wir verlässliche Rahmenbedingungen zur Diversifikation unserer Importe und für die Verbraucher. Nach Abschaffung der Gasspeicherumlage bauen wir – analog zu den Öl- und Kraftwerksreserven – auch für gasförmige Energieträger eine strategische Reserve auf, um kurzfristige Versorgungsengpässe und Marktspekulationen zu vermeiden.“ Österreich, Italien und Frankreich haben sie schon – und selbst die gaskritische taz scheint sie zu begrüßen. Wir auch!