Die Fortschritte beim Strom – in Deutschland ca. 56 % und in der EU knapp 50 % aus EE – verdecken, dass es beim Gesamtenergiebedarf nur knapp 25 % aus EE sind. Nachdem die „low-hanging fruits“ geerntet wurden, wird es ungleich schwieriger, teurer und aufwändiger, die „high-hanging fruits“ zu ernten. Der EU Green Deal und die deutsche Klimagesetzgebung geben den Weg vor. Klimaneutralität bis 2045 bzw. 2050 ist gesetzlich fest verankert. Die Kehrseite: Auf diesem Weg wird es Verlierer geben. Das sind die Unternehmen, die keine umfassende Transformations- bzw. Dekarbonisierungsstrategie haben oder die CO2-intensiv sind und nur über wenige belastbare Optionen zur Emissionsreduzierung verfügen. Für diese Unternehmen entwickelt sich der ETS offensichtlich zum Fluch. Die Standortschließungen oder -verlagerungen internationaler Player sind nur die Vorboten.
Verknappung & steigende EUA-Preise
Daher wundert es auch nicht, dass Industrieverbände und betroffene Unternehmen gegen die weitere Kürzung der kostenlosen Zuteilung von Emissionszertifikaten Sturm laufen. Der Preis für ein EUA-Zertifikat liegt wieder bei 85 €/t, vor zwei Jahren waren es noch gut 50 €/t. „Think Tanks“ und Analysten sehen den Preis in diesem Jahr auf deutlich über 100 €/t steigen. Der Anstieg ist auch auf das Interesse nicht abgabepflichtiger, spekulativer Marktteilnehmer zurückzuführen, die darum wissen, dass der Preis mittel- und langfristig nur steigen kann. Zumal die jährlich via Auktion bzw. kostenloser Zuteilung ausgegebenen EUA jährlich um über 4 % sinken. Diese Akteure halten ca. 10 % der in Umlauf befindlichen EUA in ihren Depots.
Widerstand regt sich auch auf politischer Ebene. Viele osteuropäische Länder verlangen, die Einführung des neuen EU-ETS 2 (für die Sektoren Verkehr & Wärme) auf 2028 zu verschieben und die Preise sozialverträglich zu begrenzen.
Ebenso werden Erleichterungen zur Erreichung der Klimaziele gefordert: Bis zu 5 % internationale „Klimazertifikate mit hoher Integrität“ sollen eigene Reduktionen ersetzen können – auf Basis von 1990! Das sind bei angestrebten 90 % Reduktion in 2040 dann 50 %, die mit Klimazertifikaten abgedeckt werden können. Greenwashing lässt grüßen!
Zielkonflikte erschweren Konsens
Gleichzeitig hoffen Politik und Energiewendeakteure auf steigende CO2-Preise. Deutschland hat 2025 aus dem Verkauf von EUA- und BEHG-Zertifikaten Rekorderlöse erzielt. Das BEHG ist der deutsche Vorläufer des EU-ETS 2. Aus beiden kamen mehr als 21,4 Mrd. € zusammen, die in den Klima- und Transformationsfonds (KTF) fließen. Der KTF ist das zentrale Finanzierungsinstrument für die Energiewende. Auch NGO, Spekulanten und Unternehmen, die Energiewendetechnologien installieren, hoffen auf steigende CO2-Preise, damit sich ihre Investitionen rentieren. Gegensätzliche Interessenlagen bestehen also nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft.
MSR = Blackbox des EU-ETS
Das „i-Tüpfelchen“ ist die 2015 beschlossene und 2018/2019 eingeführte Marktstabilitätsreserve (MSR), die so etwas wie der Schieberegler der Politik ist, um die CO2-Preise zu steuern. Im EU-ETS 1 waren 2024 ca. 1,15 Mrd. Zertifikate im Umlauf. Liegt der Wert über 833 Mio. Zertifikate, werden im Folgejahr 24 % der darüberliegenden Zertifikate in die Marktstabilitätsreserve (MSR) überführt. Derzeit sind ca. 400 Mio. Zertifikate in der MSR, was zugleich seit 2023 die Obergrenze ist. Überschüsse oberhalb dieser Grenze werden gelöscht, was das Angebot verknappt. Mit der MSR sollten die Preise stabilisiert werden – 2015 lag der Preis noch unter 10 €/t. Bei 100 €/t ist sie überflüssig.
Fazit
Der EU-ETS soll zum zentralen Steuerungselement für den Klimaschutz ausgebaut werden. Er ist aber auch ein hyperkomplexes System mit hohem bürokratischem Aufwand und vielen Webfehlern. Jeder Eingriff führt zu Nebenwirkungen, jede neue Verordnung zu mehr Bürokratie. Daher wundert es auch nicht, dass die meisten Marktteilnehmer und Experten den Emissionshandel in seiner Gesamtheit und allen Facetten nicht wirklich verstehen – dazu zähle ich mich auch. Das Wichtigste ist aber klar: Der EU-ETS ist die zentrale Herausforderung für energieintensive Unternehmen. Es sind viele Überlegungen anzustellen, um die richtige Strategie abzuleiten. Eine Gleichung mit vielen unbekannten, deren größte die Politik ist. Das Bedenkliche daran sind die widerstrebenden Interessen in der Politik selbst: Einerseits will sie die Kosten begrenzen, um der Wirtschaft Luft zu verschaffen, andererseits ist sie auf die Einnahmen angewiesen und hofft auf hohe Preise, um die Energiewende zu finanzieren. Wir dürfen gespannt sein, was da noch kommt. Verlässlichkeit für die Industrie sieht anders aus. Aber wie man es dreht: Die CO2-Emissionen müssen schnellstmöglich runter!
Mit besten Grüßen,
Dipl.-Ing. Markus Schnier
Inhaber ecotec